„Zu wenig Schiene, zu viel Auto“

Um unter anderem Aus- und Neubauprojekte umzusetzen, sind in den kommenden Jahren gut ausgebildete Fachkräfte nötig; Foto: DB AG/Oliver Lang

Zum Start des Wintersemesters kritisiert die Allianz pro Schiene, dass die Schienenverkehrsforschung an deutschen Hochschulen und Universitäten in zwölf von 16 Bundesländern kaum eine Rolle spielt.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung (DZSF). Dies bremst vor allem die Ausbildung der dringend gesuchten Fachkräfte im Bahnsektor aus. Für die Gestaltung der Mobilität ist Deutschland laut der Allianz damit nur unzureichend aufgestellt. Zwar gibt es in fast allen Bundesländern Hochschulen mit Forschungsschwerpunkt oder Forschungsnetzwerken zum Thema „Mobilität“. Doch wo Mobilität draufstehe, sei meist nur Auto drin: Der Fokus liege häufig explizit auf dem Automobilbau, landesspezifische Forschungsschwerpunkte zum Schienenverkehr würden meist zu kurz kommen. Auch bei Forschungsnetzwerken zeige sich ein deutliches Übergewicht des Automobilbereichs. Zumindest in den Bundesländern Bayern, Berlin, Brandenburg und Sachsen existieren Forschungscluster mit Bezug zum Schienenverkehr. Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, kritisiert: „Man kann hier wirklich von einer forschungspolitischen Schieflage zulasten der Schiene sprechen. Die Schwerpunkte an Hochschulen und Universitäten in puncto Mobilität passen keineswegs zum hohen Bedarf an qualifizierten Fachkräften in der Bahnbranche.“

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die forschungspolitischen Ziele häufig die vorherrschenden Industriezweige eines Bundeslandes widerspiegeln. Das gelte etwa für Niedersachsen, wo das Land auch Anteilseigner des Automobilkonzerns Volkswagen ist. Von den Bundesländern fordert Flege ein grundsätzliches Umdenken: „Die Forschungslandschaft sollte sich viel mehr an den verkehrspolitischen Zielen von Bund und Ländern ausrichten. Es muss darum gehen, dass sich die Klimaziele in der Forschungslandschaft zeigen und der energieeffiziente Schienenverkehr stärker in den Fokus rückt. Den Status quo zu erhalten führt hier nicht weiter.“

Gefragt seien Fachkräfte für die Mobilität der Zukunft – das könnten nicht nur Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger sein. Es würden Menschen gebraucht, die den Schienenverkehr und vernetzte Mobilität „von der Pike auf kennen“. Die vom Bund im Masterplan Schienenverkehr versprochenen Stiftungsprofessuren sollten für die Länder Anlass sein, ihre Mobilitätsforschungsförderung neu auszurichten und zu modernisieren.

Das Deutsche Zentrum für Schienenverkehrsforschung hatte bereits im Februar in einer Studie festgestellt, dass weniger als fünf Prozent der deutschen Hochschulen über Lehrstühle mit Eisenbahnkompetenz verfügen. Deshalb hatte das Bundesinstitut bereits vor „gravierenden Engpässen“ bei der Stellenbesetzung im Schienenverkehrssektor gewarnt. Die wachsende Eisenbahnbranche beschäftigt derzeit etwa 550.000 Menschen. In den kommenden Jahren und Jahrzehnten brauche es gut ausgebildete Fachkräfte, die sich um Instandhaltung und Erneuerung, Fahrzeugbau sowie um Ausund Neubaumaßnahmen am Schienennetz kümmern. Dazu gehören auch neuere Berufsbilder wie Drohnenpiloten, Netzwerk-Ingenieurinnen oder Big-Data-Analysten, die stärker als bisher eine akademische Ausbildung benötigen. Die Bahnbauunternehmen rechnen allein bis 2024 mit einem Mehrbedarf von 15.000 Beschäftigten. (mab)

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