Warnung und Forderung

Laut Gewerkschaft steige mit einer attraktiven Bezahlung die Chance, offene Stellen zu besetzen; Foto: Bodo Schulz

Die Tarifvorstände der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Cosima Ingenschay und Kristian Loroch, warnen vor einem „baldigen Kollaps“ bei Bus und Bahn.

Ingenschay erklärt: „Wenn es den Eisenbahnunternehmen in den nächsten Monaten nicht gelingt, ausreichend Personal nachzusteuern, ist Stillstand vorprogrammiert.“ Bereits derzeit würden immer öfter Züge ausfallen, weil nicht mehr ausreichend Personal vorhanden sei. „Entweder sind Stellen, auch wegen schlechter Bezahlung, unbesetzt oder die Kolleginnen und Kollegen sind krank; insbesondere, weil die Belastungen im Beruf mittlerweile überhand nehmen.“ Um das zu ändern, müssten die Rahmenbedingungen schnell verbessert werden. „Ab Februar 2023 führen wir als EVG mit rund 50 Unternehmen im Bereich von Bus und Bahn Tarifverhandlungen. Unser Ziel wird sein, die Löhne deutlich anzuheben und das branchenweit einheitlich, indem wir für alle Unternehmen die gleiche Forderung aufstellen.“ Mit einer attraktiven Bezahlung steige auch die Chance, offene Stellen wieder besetzen zu können.

Loroch verdeutlicht am Beispiel der Deutschen Bahn: „Es reicht nicht aus, zu erklären, in diesem Jahr 25.000 neue Mitarbeitende einstellen zu wollen. Die müssen erst einmal gefunden werden und dann vor allem aber bleiben. Dazu sind die derzeitigen Rahmenbedingungen nicht geeignet“. Die Fluktuation sei groß und werde immer größer. Seien es 2021 noch rund sechs Prozent der Mitarbeitenden gewesen, die die DB verlassen hätten (Stand November 2022), habe die Zahl der Abgänge im vergangenen Jahr bei 7,3 Prozent gelegen – nur 1,9 Prozent davon seien altersbedingt gewesen. Die Bahn hatte zum Jahresstart erklärt, für 2023 die Neueinstellung von mehr als 25.000 Mitarbeitern zu planen. Unter dem Streich sollen rund 9000 Stellen zusätzlich entstehen.

Angesichts der offenen Stellen nimmt die Belastung für die verbleibenden Mitarbeitenden laut EVG zu. Die Zahl der Überstunden steige kontinuierlich; die Zahl derer, die erkranken ebenfalls. Loroch: „Lag der Krankenstand 2021 noch bei gut 5,5 Prozent, wurde 2022 ein deutlicher Anstieg auf 7,1 Prozent verzeichnet. In einigen Bereichen, etwa beim Service im Zug, beim Service im Bahnhof, aber auch im Busbereich, liegt die Quote mittlerweile bei zehn Prozent oder darüber.“ Der hohe Krankenstand habe letztlich dazu geführt, dass auch die Zahl der Überstunden spürbar angestiegen sei: von 6,7 Mio Stunden in 2021 auf 7,1 Mio Stunden in 2022. Um auf dem Arbeitsmarkt überhaupt noch genügend neue Mitarbeitende zu finden, müsse deutlich mehr gezahlt werden als bisher.

Über ihre branchenweite Lohnforderung will die EVG am 7. Februar 2023 entscheiden. Die erste Verhandlungsrunde beginnt Ende Februar und soll bis zum 24. März 2023 andauern. Man erwarte „zügig vernünftige Angebote“ der Arbeitgeber. Sollten diese nicht vorliegen, werde die EVG „sehr schnell über entsprechende Konsequenzen nachdenken müssen“. (mab)

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