Sicherheit wird zum strategischen Kernthema

Die 1991 eröffnete Tunnelstation Joachim-Mähl-Straße der Hamburger U 2 soll für 1100 Menschen Grundschutz bieten. Foto: Frank Muth
Ein entscheidender Impuls für diese inhaltliche Schwerpunktsetzung war ein Vortrag der Sicherheitsexpertin Dr. Claudia Major im Rahmen der VDVJahrestagung 2026 in Karlsruhe. Vor mehr als 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmern machte sie deutlich, dass Sicherheitspolitik, Resilienz und zivile Vorsorge längst keine abstrakten Debatten mehr sind, sondern konkrete Anforderungen an zentrale Infrastrukturen und damit auch an die Verkehrsbranche. Die Sicherheitsexpertin führte den Tagungsteilnehmenden dabei unmissverständlich vor Augen, dass eine ganze Reihe von Vorkehrungen und Maßnahmen zu treffen beziehungsweise nachzuholen sind, um den ÖPNV hierzulande krisenfest zu machen.
VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff: „Der Vortrag von Frau Dr. Major hat gezeigt, dass das Thema Sicherheit für uns eine strategische Kernfrage für die Zukunft der Branche ist. Wer in Deutschland über Versorgungssicherheit, Krisenvorsorge, Resilienz und staatliche Handlungsfähigkeit spricht, der muss über Eisenbahn, ÖPNV und ihre Infrastrukturen sprechen. Es geht um den Schutz von Anlagen und Netzen, um IT- und Cybersicherheit, um belastbare Transportwege auf der Schiene und um die Frage, wie mobil und logistisch handlungsfähig unser Land in Krisenlagen ist.“ Gleichzeitig dürfe man nicht vergessen, dass Sicherheit für die Branche bereits derzeit „ganz konkret beginnt“ – nämlich beim Schutz der Beschäftigten und Fahrgäste im täglichen Betrieb.
Aus Sicht des Verbands muss das Thema deshalb deutlich stärker in die politische Arbeit und in die gesellschaftliche Wahrnehmung rücken. Die Branche betreibe und nutze Infrastrukturen, die für den Alltag, für wirtschaftliche Stabilität und im Krisenfall für Versorgung, Transport, Evakuierung, Logistik und staatliche Handlungsfähigkeit von zentraler Bedeutung sind. Gerade die Eisenbahn übernehme dabei eine besondere Rolle, wenn es um robuste Transportkapazitäten für Güter und Menschen sowie um verlässliche, auch unter Stress funktionsfähige Netze geht. Auch Dr. Claudia Major hatte in ihrem Vortrag die bedeutende Rolle der Schiene in Krisensituationen unterstrichen.
Neues Positionspapier
Auf der VDV-Jahrestagung wurde vor diesem Hintergrund auch das neue Positionspapier „Krisenfeste Mobilität: Eisenbahn, Bus und Infrastruktur für Verteidigung, Zivil- und Katastrophenschutz“ veröffentlicht und im Fachforum Eisenbahnverkehr diskutiert. Darin macht der Verband deutlich, dass Eisenbahn und ÖPNV als Teil der nationalen Sicherheitsarchitektur verstanden und entsprechend politisch berücksichtigt werden müssen. Konkret müsse die Politik klare Zuständigkeiten schaffen, verlässliche Finanzierung sichern und ausreichende Personalressourcen bereitstellen. VDV-Präsident Ingo Wortmann betonte dazu: „Eisenbahn und ÖPNV sichern nicht nur Mobilität, sondern im Ernstfall staatliche Handlungsfähigkeit, Versorgung und Schutz der Bevölkerung. Wer Sicherheit und Resilienz ernst nimmt, muss Bahnen, Busse und ihre Infrastrukturen deshalb als Teil der Sicherheitsarchitektur Deutschlands behandeln – mit klaren Zuständigkeiten, ausreichend Personal und verlässlicher Finanzierung.“ Deutlich wird der Handlungsdruck etwa bei der Elektrifizierung, unterstreicht der VDV. In Deutschland sind derzeit rund 60 Prozent des Netzes elektrifiziert. Das politische Ziel liegt bei mindestens 75 Prozent bis 2030. Besonders eklatant sei der Elektrifizierungsbedarf bei Grenzübergängen, die im Rahmen von Europäischen Verlegungen von Personal und Material zu besonderen Nadelöhren werden. So sind bislang sind nur 28 von 57 Grenzübergängen elektrifiziert. Konkret will der VDV das Themenfeld Sicherheit künftig noch stärker verbandsintern, fachpolitisch und öffentlich bearbeiten. Dazu zählen unter anderem die Weiterentwicklung von Positionen zur Resilienz der Schieneninfrastruktur, zu Schutzund Sicherheitsanforderungen für Anlagen und IT-Systeme, zur krisenfesten Organisation von Mobilität und Logistik sowie zu Sicherheit und Prävention im Betriebsalltag.
Neue Konferenz
Ein geplanter nächster Schwerpunkt ist eine neue Eisenbahnkonferenz, mit der der VDV die Themen Resilienz, Kapazitäten sowie krisenfeste Mobilität und Infrastrukturen des öffentlichen Verkehrs vertieft aufgreifen will. Ziel ist es, Akteure aus Branche, Politik, Sicherheitsbehörden, Industrie und Wissenschaft zusammenzubringen und aus den sicherheitspolitischen Herausforderungen konkrete Konsequenzen für das Verkehrssystem in Deutschland abzuleiten.
Einen Schritt weiter ist der Verband bereits beim Thema Sicherheit im ÖPNV für Beschäftigte und Fahrgäste. Für den 5. und 6. Oktober 2026 ist in Berlin die 2. ÖPNV-Sicherheitskonferenz terminiert, bei der der VDV als Partner von DVV Media gemeinsam mit rund 150 Expertinnen und Experten aktuelle Fragen zur Sicherheit von Menschen in der Mobilität diskutiert. Wolff abschließend: „Wenn wir über die Zukunftsfähigkeit unserer Branche sprechen, dann sprechen wir ab sofort auch immer über Sicherheit. Eine leistungsfähige, resiliente und geschützte Verkehrsinfrastruktur ist kein Spezialthema für Ausnahmelagen, sondern eine Grundvoraussetzung für einen funktionierenden Alltag und für ein handlungsfähiges Land im Krisenfall. Genau deshalb werden wir dieses Thema zu einem zentralen Schwerpunkt unserer Arbeit machen.“ (mab)
Weitere Informationen zur 2. ÖPNV-Sicherheitskonferenz finden Sie hier.