Projektgruppe stellt neues Konzept für Nachtzüge vor

Auf der internationalen Fachmesse für Verkehrstechnik InnoTrans in Berlin hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gemeinsam mit weiteren Projektbeteiligten ein neues Konzept für den europäischen Nachtzugverkehr vorgestellt.

 

Im Forschungsprojekt ALISA – kurz für angebotsdifferenziertes, leichtes und innovatives Schlafwagenkonzept – haben das DLR-Institut für Fahrzeugkonzepte und die Unternehmen TRICON, GETA, Satek und k+v den Nachtzug umfassend neu gedacht. Ihr Ziel war dabei, ein Fahrzeug zu entwickeln, das hohen Komfort und Privatsphäre für die Reisenden mit hoher Kapazität, flexibler Nutzung und wirtschaftlichem Betrieb verbindet. Das Herzstück bildet eine leichtbauoptimierte Einheit aus drei fest gekuppelten Doppelstockwagen mit einer Gesamtlänge von rund 46 Metern.

Nachtzüge erleben im europäischen Fernverkehr laut den Autoren der Studie eine Renaissance: Die Nachfrage steige wieder, aus Gründen des Klima- und Umweltschutzes. Aber auch weil die Zeit im Zug bequemer verbracht und produktiver genutzt werden kann. Gleichzeitig sind die Anforderungen vor allem an die Gestaltung des Wageninneren hoch: Fahrgäste wünschen sich viel Platz, Komfort und Privatsphäre. Für einen wirtschaftlichen Betrieb müssen die Fahrzeuge möglichst viele Reisende aufnehmen und häufig eingesetzt werden können. Bisher waren klassische Schlaf- und Liegewagen vor allem für den Einsatz in der Nacht konzipiert, während sie tagsüber meist stillstanden.

„Um all diesen Anforderungen gerecht zu werden, haben wir bei ALISA den Nachtzug als Gesamtsystem betrachtet. Mit Leichtbau und digitalen Entwicklungsmethoden haben wir die Fahrzeugstruktur entsprechend ausgelegt und optimiert. So haben wir die technischen Grundlagen für einen Nachtzug geschaffen, der für Reisende attraktiv und zugleich effizient im Betrieb ist“, sagt Nicolai Schmauder, der das Projekt auf Seiten des DLR geleitet hat.

Die Grundeinheit von ALISA besteht aus drei permanent miteinander verbundenen Doppelstockwagen. Beide Ebenen sind vollständig begehbar. Möglich macht diesen Raumgewinn und die damit auch verbundene bessere Barrierefreiheit erst das ebenfalls am DLR entwickelte und erprobte mechatronisches Einzelrad-Bahnfahrwerk. Mehrere dieser Grundeinheiten können miteinander gekoppelt werden. So lässt sich die Länge des Zuges abhängig von Strecke, Nachfrage und Saison anpassen. Auch innerhalb der Wagen folgt ALISA dem Baukastenprinzip: Standardisierte Segmente ermöglichen unterschiedliche Innenraumkonfigurationen, ohne dass für jede Variante ein neuer Wagenkasten entwickelt werden musste.

Das Innenraumkonzept deckt unterschiedliche Ansprüche und Preissegmente ab: Vorgesehen sind Angebote vom klassischen Sitz und Schlafsessel über private Einzel- und Doppelkabinen bis zu größeren Abteilen für Familien sowie für Reisende mit eingeschränkter Mobilität.

Die doppelstöckige Bauweise, möglichst viele Reisende sowie hohe Ansprüche an Innenraum und Komfort können das Gewicht eines Zugwagens in die Höhe schnellen lassen. Ein Schwerpunkt der Arbeiten des DLR im Projekt ALISA war deshalb, ein möglichst leichtes Fahrzeugkonzept zu entwickeln. Dazu optimierten die DLR-Forschenden den Wagenkasten so, dass die Fahrzeugstruktur die auf sie wirkenden Lasten und Kräfte möglichst effizient verteilt und aufnimmt. Bereiche des Wagenkastens, die besonders hohe Kräfte aufnehmen müssen, wurden gezielt verstärkt, weniger beanspruchte Bereiche dagegen leichter ausgeführt. Unter dem Stichwort Funktionsintegration untersuchten sie zum Beispiel, wie sich Kabelkanäle oder Elemente der Innenausstattung direkt in die tragende Struktur integrieren ließen.

So lässt sich zusätzliches Gewicht vermeiden, ohne den nutzbaren Innenraum einzuschränken. Auch durch den Einsatz von Multi-Material-Bauweisen konnten sie weiteres Gewicht sparen. Dazu hat das Projektteam unter anderem sogenannte Sandwich-Materialien untersucht. Diese kombinieren eine Deckschicht aus Aluminium mit einem Kern aus einer Holzstruktur oder Aluminiumwaben. Damit sind sie leicht und gleichzeitig stabil. „Mit unserem konsequenten Leichtbau-Ansatz können wir die Fahrgastkapazität bei gleichbleibender Achslast um 40 Prozent steigern, ohne dass die Reisenden auf Komfort oder Privatsphäre verzichten müssen. Unsere Referenz war der ‚Nightjet’ der neusten Generation. Dieser Nachtzug kommt bei der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB) zum Einsatz“, erläutert DLR-Forscher Schmauder. (gk)

 

 

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